Vertonung surselvischer Gedichte

Die Surselva war Marthas zweite Heimat. Rundum Disentis/Mustér wird das romanische Idiom Sursilvan gesprochen und die Komponistin vertonte einige Gedichte aus der bündnerischen Region. In einem Gastbeitrag für Band 1 Weltliche Lieder schreibt Renzo Caduff über die Hintergründe.

Neben religiösen Liedern und Motetten zu Ehren Marias hat die Komponistin auch drei Gedichte von Lyrikern aus dem Bündner Oberland – der Surselva – vertont: Allas steilas von Alfons Tuor, Canzun de tgina von Carli Fry und Il pur suveran von Gion Antoni Huonder. Während Gion Antoni Huonder und Alfons Tuor – neben Giacun Hasper Muoth (1844–1906) – zu den bekanntesten surselvischen Dichtern des 19. Jahrhunderts gehören, hat Carli Fry die surselvische Literatur des 20. Jahrhunderts mit seinem literarischen Werk bereichert. Vor allem das reiche dichterische Schaffen Alfons Tuors zeichnet sich durch einen sprachkämpferischen Geist zur Erhaltung seiner Muttersprache aus, hervorgerufen durch die in dieser Zeit erstarkende rätoromanische Spracherhaltungsbewegung. Als Mitbegründer des romanischen Chors der Bündner Kantonsschule setzte Alfons Tuor sich bereits als junger Gymnasiast dafür ein, dass auf Romanisch gesungen wurde. Bis dahin griff man gerade bei Gesangsfesten fast ausschliesslich auf deutsche Chorlieder zurück.

Alfons Tuor (1871–1904) litt zeit seines Lebens unter körperlichen Schmerzen. Dieses Leiden bringt er in vielen seiner Gedichte zum Ausdruck, so auch in Allas steilas. Die erste Fassung davon veröffentlichte er bereits im Alter von 23 Jahren. Wie für Martha von Castelberg hatte auch für Alfons Tuor die Muttergottes eine besondere Bedeutung.

Zeugnis seiner Verehrung Marias geben die beiden Liedersammlungen Magnificat 1 und 2 (1897 und 1900), die der Dichter zu Lob und Ehren «della Beada Purschala Muma Maria» (dt. der seligen Jungfrau Mutter Maria) verfasst hat.

In Allas steilas fragt ein lyrisches Ich nach dem Sinn eines von Leiden gekennzeichneten kurzen Erdenlebens. Das Gedicht ist durch den starken Gegensatz von Himmel («claras steilas», dt. helle Sterne) und Erde («stgira tiara», dt. dunkle Erde) und durch einen asymmetrischen Dialog zwischen dem lyrischen Ich und den angerufenen, aber schweigenden Sternen gekennzeichnet. Die Antwort auf seine Frage nach dem Sinn des Lebens gibt das lyrische Ich letztlich selber, indem es den Schöpfer lobt und Trost im Glauben an ein Leben nach dem Tod findet: «O caras, dultschas steilas, / Jeu sai, jeu sai, / Sur vus en tschiel, leu vivan / Ils spérts beai! // E cu jeu vus contemplel / El firmament, / Sai jeu pertgei ins viva / Mo in mument!», «O liebe, süsse Sterne, / Ihr winkt mir zu: / ‹Hier über unsren Bahnen / Thront Gott in Ruh.› // Drum, wenn ich euch betrachte / Am Himmelszelt, / Kenn ich den Sinn des Lebens / Auf dieser Welt.» Diese letzten beiden Strophen des Gedichts fehlen jedoch in Martha von Castelbergs Komposition.

Sie stützt sich für ihr Lied auf die zweite Fassung, so wie 1898 im Zyklus Poesias sursilvanas erschienen. Aus literaturwissenschaftlicher Sicht ist das aus dem Barock stammende Memento-mori-Motiv der Verwesung (Verse 7–8) interessant: «Und nach dem flücht’gen Leben / Verweslichkeit?». Während es in der Vertonung durch Martha von Castelberg noch zu finden ist, stützen sich (fast) alle anderen Vertonungen von Allas steilas auf eine spätere – für die Schule vorgesehene – Textversion. Darin ersetzt der Autor das realistische Bild der «Verweslichkeit» durch die neutralere Variante «E lu murir» (dt. und dann sterben). In einer späteren Übersetzung von Allas steilas durch Carli Fry, die auf der erwähnten «Schulversion» des Gedichts beruht, heisst es in der entsprechenden zweiten Strophe denn auch: «Warum gibt es auf Erden / Nur Leid und Not / Die kurze Lebensspanne, / Und dann den Tod?».

Wenn Martha von Castelberg mit diesem wohl bekanntesten Gedicht Alfons Tuors nicht bereits durch ihren Mann vertraut war, so lernte sie es spätestens dank ihrer Kontakte zum Pater Maurus Carnot (1865–1935) kennen.

Die Freundschaft der von Castelbergs mit Pater Maurus Carnot kommt auch in Vertonungen zweier seiner Gedichte, Die wilde Biene und Alpen-Enziane, zum Ausdruck. In seiner 1934 veröffentlichten Studie zur bündnerromanischen Literatur Im Lande der Rätoromanen. Sprachliches und Sachliches vom Graubündner Inn und Rhein lässt er den Dichter sein Lied in deutscher Übersetzung singen:

«O sagt mir, helle Sterne / Am Himmel dort, / Warum man von der Erde / So bald muss fort? // Warum gibt es auf Erden, / Viel Leid, viel Leid, / Und nach dem flücht’gen Leben / Verweslichkeit?» Wenn wir uns entsprechende Stellen der Biografie vergegenwärtigen, so scheint der Gedanke nicht abwegig, dass zwischen der Komponistin und dem Dichter von Allas steilas eine Wesensverwandtschaft bestanden haben könnte.

Alfons Tuors Gedicht Allas steilas ist einer der meistzitierten bündnerromanischen Texte überhaupt und wurde bereits sehr früh als Chorlied vertont. Bekannt geworden ist Allas steilas vor allem mit der Melodie des Komponisten Tumasch Dolf (Vertonung für Chor von 1913) und später durch die geistliche Kantate für Chor, Sopran-Solo und Klavier (1953) von Duri Sialm. Als «Meisterin der Kleinform» ist es Martha von Castelbergs Verdienst, das Gedicht auch in der Gattung Lied (für Tenor mit Klavierbegleitung) vertont zu haben.

Der aus Disentis stammende Pfarrer Carli Fry (1897–1956) hatte zur erwähnten geistlichen Kantate Allas steilas von Duri Sialm die deutsche Übersetzung beigesteuert. Von ihm stammt überdies der Text für das Wiegenlied Canzun de tgina von Martha von Castelberg. Da der Text in Carli Frys fünfbändiger Werkausgabe (1954–1962) nicht publiziert wurde, ist es wahrscheinlich, dass die Canzun de tgina eigens als Liedtext verfasst worden ist. Carli Fry pflegte zu dem Ehepaar von Castelberg-Orelli ein freundschaftliches Verhältnis. So scheinen ihm die von Castelbergs das historische Drama Rica de Castelberg in Auftrag gegeben zu haben, dessen Handlung während der französischen Besetzung der oberen Cadi im Jahre 1799 spielt. In seiner Widmung zum Theaterstück bedankt sich der Verfasser nämlich bei seinen Gönnern «Marta e Victor de Castelberg- de Orelli».

Eine andere Grundstimmung als das nachdenkliche Gedicht Allas steilas und die leicht wiegende Canzun de tgina hat das dritte vertonte rätoromanische Gedicht: Bei Il pur suveran (dt. Der freie Bauer) von Gion Antoni Huonder (1825–1867) handelt es sich um ein pathetisches Selbstbekenntnis des freien Bauern als Reaktion auf «den zunehmenden Existenz- und Identitätsverlust der Bündner (Berg-) Bauern» (Laura Decurtins 2019:197). Nach der rhetorisch streng artikulierten Aufzählung seines Besitztums in den ersten drei Strophen folgt in der vierten Strophe die Schlussfolgerung als Lob der Freiheit in Armut («libra, libra paupradat»), die es zu bewahren gilt. Die in der letzten Strophe erwähnten drei topischen Momente des menschlichen Lebens (Geborenwerden, Aufwachsen, Sterben) sollen die Kontinuität der Freiheit veranschaulichen. Sie bekräftigen schliesslich den von Gion Antoni Huonder geschaffenen Mythos des freien Bauern, wie Clà Riatsch in seinem Beitrag (Annalas da la Societad Retorumantscha 115, 2002:116: «Quei ei miu joint...». Critica e parodia da «Il pur suveran» da G.A. Huonder) festhält.

Wenn Alfons Tuors Allas steilas vor allem durch die Komposition von Tumasch Dolf bekannt wurde, so war es der Komponist Hans Erni, der mit seiner Vertonung des Pur suveran eine Hymne des freien Bauern schuf. Wie Laura Decurtins in ihrer Studie Zur musikalischen Selbst(er)findung Romanischbündens (2019) detailliert nachzeichnet, hat Hans Ernis Chorlied vor allem «im Kontext der bündnerromanischen Heimatbewegung und der Bemühung um die Anerkennung der Vierten Landessprache» 1938 seine volle Bedeutung erhalten (2019:198). Ihren Anteil an dieser Erfolgsgeschichte hatte auch Martha von Castelberg mit ihrem 1932 komponierten Lied des Pur suveran für Tenor und Klavier, das im Frühling 1935 uraufgeführt wurde.

Renzo Caduff ist im bündnerischen Disentis/Mustér aufgewachsen und lebt heute in der Romandie. Er studierte an der Universität Fribourg und promovierte dort mit einer Arbeit zur Metrik des Engadiner Schriftstellers Andri Peer. 2015 publizierte er eine textkritische und kommentierte Edition der Gedichte Alfons Tuors. Er ist Lektor für Rätoromanisch an der Universität Fribourg und chargé de cours für Rätoromanische Sprache und Kultur an der Universität Genf.

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