«Beruf oder Familie – wir mussten uns beide für das eine oder andere entscheiden»

Brida von Castelberg, Enkelin von Martha von Castelberg, erinnert sich

Brida von Castelberg, wie gefällt Ihnen die Musik Ihrer komponierenden Grossmutter?

Je länger desto besser. Weniger die kirchliche Musik, also die Motetten, denn ihre Lieder. Neben den schönen Harmonien sind es auch die vertonten Texte, die mich ansprechen. Die sind ja teilweise geradezu erotisch… Etwa Ich entblättere Dich oder Die wilde Biene, wo es heisst: «Sie wohnen im Tulpengarten und haben ein prächtiges Haus, wo sie der Königin warten, in Treue tagein und tagaus». Da kommen einem schon gewisse Gedanken.

Diese Assoziationen hatte Ihre Grossmutter wohl kaum…

Wer weiss? Man kann sich ja schon die Sexualität der eigenen Mutter nicht vorstellen, geschweige denn die der Grossmutter. Aber natürlich, ich kann mir auch nicht vorstellen, dass Oma solche Gedanken hatte. Sie hat immer Haltung bewahrt.

Haben Sie je mit Ihr über Musik, übers Komponieren gesprochen?

Nein. Für mich ist sie die Grossmutter, nicht die Musikerin. Ich erlebte sie ja vor allem während meiner Kindheit, da ich 18 war, als sie verstarb. An Weihnachten – wir feierten immer drei Mal, am schönsten war es bei ihr - wurde Musik gemacht. Mein Vater und mein Onkel sangen mit schmettender Stimme, ich kratzte auf meiner Geige und meine Grossmutter sass am Klavier. Über Musik gesprochen, über diese grosse Leidenschaft, das haben wir nicht. Aber da ist das mir immer wieder in den Sinn kommende Bild mit dem Dalmatinerhund Alma. Wenn meine Grossmutter ein bestimmtes, selber komponiertes Lied spielte, wetzte er heran und sprang auf Ihren Schoss.

Das macht einen vergnüglichen Eindruck. Ihre Grossmutter war, wie wir in ihrer Biografie lesen, als 26Jährige tief beeindruckt vom «Journal et pensées de chaque jour von Elisabeth Leseur». Dabei unterstrich sie den Satz «Leben heisst Kämpfen, Leiden und Lieben» dick und fett.

So wie ich meine Grossmutter wahrnahm, hat sie weder gekämpft noch gelitten. Geliebt hingegen sehr wohl. Sie hat sich Zeit gelassen, bis sie den richtigen Mann getroffen hat und konnte ihn sich selbst aussuchen, was damals auch nicht ganz selbstverständlich war. Sie war schon 29 Jahre alt, als sie heiratete. Die Ehe war geprägt von gegenseitigem Respekt und sie war gut. Wobei der Zustand einer Ehe damals gar keine Frage war. Man war verheiratet und dabei blieb es.

Das Konzert, das am 14. August aufgeführt wird und an dem aus ihren Kompositionen gespielt wird, ist überschrieben mit «Requiem an das Patriarchat».

Ein Requiem hat sie komponiert, aber das Patriarchat passt nicht zu ihr. Mein Grossvater war ganz sicher kein Patriarch. Oma war eine sehr starke Persönlichkeit und auf ihre Art auch dominant. Zur damaligen Zeit war es einfach selbstverständlich, dass man sich der Familie widmete und die eigenen Interessen in den Hintergrund stellte. Aber Martha hat Zeit ihres Lebens musiziert und komponiert. Was mein Grossvater sehr respektierte. Obwohl ich mich nicht erinnern kann, dass ausser meiner Grossmutter jemand anderer aus der eigenen oder der verschwägerten Familie einen besonderen Bezug zur Musik hatte.

Das Motto des diesjährigen Davos Festival lautet «Aequalis». Das muss Sie nicht nur als Enkelin sondern auch als ehemalige Chefärztin der Frauenklinik Triemli in Zürich freuen.

Ich habe die Gleichstellung immer gelebt. Nicht, weil ich gleich sein wollte wie die Männer, sondern weil ich unabhängig meines Geschlechts meinen Weg ging. Ein einziges Mal traf ich eine Berufsentscheidung, die genderbedingt war: Eigentlich wollte ich Chirurgin werden und habe diese Fachrichtung auch abgeschlossen. Bevor ich diesen Titel feierlich ausgehändigt bekam, stand auf der Urkunde «Herr Dr. Castelberg». Weil es damals einfach keine Frauen gab, die diese Fachrichtung einschlugen. Ich kaufte mir dann ein Samtröckchen und Schuhe mit hohem Absatz, um bei der Feier zu betonen, dass ich eine Frau bin. Die Konfusion war gross. Im Wissen, dass ich als Frau nur Kleinchirurgie würde machen können, wurde ich Gynäkologin.

Auch wenn Sie sich nicht bewusst für die Gleichstellung einsetzen: Sie haben die Frauenklinik am Stadtspital Triemli in Zürich in den letzten Jahren vor Ihrer Pensionierung als Co-Leiterin zusammen mit einer Frau ausgeübt.

Weil ich frühzeitig für meine eigene Nachfolge besorgt sein wollte und wusste, dass der damalige Gesundheitsdirektor Zürichs, Robert «Bobby» Neukomm endlich ein Jobsharing auf höchster Kaderstufe einführen wollte.

Was für ein weiter Weg zwischen Ihrer Grossmutter und Ihnen!

Allerdings! Aber eben, ich vertrete die übernächste Generation. Gemeinsam ist uns beiden, dass wir uns entscheiden mussten. Meine Grossmutter entschied sich für die Familie und gegen eine Erwerbstätigkeit. Ich entschied mich für die berufliche Karriere und gegen eine Familie. Beide hätten wir nicht beides haben können. Für mich war es keine Frage, dass ich mich für den Beruf entscheide. Bei meiner Grossmutter weiss ich das nicht.

Was meinen Sie, wie würde sie heute antworten?

Ich bin mir fast sicher, dass sie heute eine grosse Karriere als Musikerin machen würde, neben ihrer Familie. So wie es heute auch möglich ist, gleichzeitig eine Frauenklinik zu leiten und Familie zu haben.

Haben Sie je mit Ihrer Grossmutter über Rollenbilder gesprochen?

Nein, das war damals ohnehin kaum ein Thema. Aber nicht in dem Sinn, dass für sie ihr Lebensweg auch der der Nachfolgegeneration sein müsste. Sie hat mich denn auch nie gefragt, ob ich mal heiraten wolle, hat sich immer vornehm zurückgehalten und sich nie eingemischt.

Wie war das Verhältnis zu Ihrer Grossmutter?

Ausgezeichnet. Ich habe sie bis zum Gymnasium regelmässig und gerne besucht. Oma war eine sehr liebenswürdige Person, die nie irgendetwas Böses gegen irgendjemanden gesagt hat. Sie hat uns Enkelkinder immer verwöhnt mit Kleinigkeiten. Wir waren auch oft mit ihr in Disentis in den Ferien, von dort stammte ja mein Grossvater. Wir gingen zwar nicht wandern, aber spazieren. Sie behielt immer Haltung, war im Tailleur mit Hut und Stock unterwegs. Während der Gymi-Zeit sah ich sie weniger oft. Da haben Teenagers anderes im Kopf. Gegen Ende meiner Schulzeit, als sie schon sehr krank war, war ich wieder öfters bei ihr. Ich war 18, als sie starb. Eine Erwachsenen-Beziehung hatten wir also nicht. Aber meine Erinnerungen an sie sind durchwegs gut.

War sie wirklich so religiös, wie es nur schon aufgrund ihrer vielen religiös geprägten Kompositionen schien?

Ja, das war sie wirklich. Ihre Religiosität war sehr tief. Sie hat Dekors für die St. Martins-Kirche in Zürich gemacht, hatte häufig Pfarrer zu Besuch und wenn ich Briefe von ihr lese, so ist es offensichtlich, dass sie die Religiosität bis ins Tiefste gelebt hat.

Hat diese Religiosität nicht nur ihre Musik, sondern auch die Familie geprägt?

Ja, beide Söhne waren dem Katholizismus zugewandt. Ihr Sohn Guido, mein Onkel, war ihr bis zu seinem Tode engstens verbunden, auch in der Religiosität. Er hat seine Mutter vergöttert. Sie war für ihn Mutter und Madonna zugleich. Auch mein Vater war religiös. Missionarisch war meine Grossmutter nie unterwegs. Sie hat sich über die Erstkommunion ihrer Enkelkinder gefreut, aber nie eingegriffen. Auch ich gehe gerne und oft in Kirchen, lebe den Katholizismus aber auf meine eigene, nicht klassische Art und Weise. Messen besuche ich nicht oft, aber Kirchen.

Gibt es Eigenschaften, in denen Sie sich in Ihrer Grossmutter wiedererkennen?

Wie sie schaue ich gerne für die anderen. Ich kann nicht vorbeigehen, ohne dass ich bei Bedarf unterstützend eingreife. Musisch bin ich eher dem Schauspielhaus denn der Tonhalle zugeneigt. Obwohl ich nach meiner Pensionierung lernte, Handorgel zu spielen. Neuerdings jodle ich auch sehr gerne. Aber das mir in meiner Kindheit stets verhasste Geigenspiel habe ich sicher nicht wieder aufgenommen. Die Brücke von der musikalischen Leidenschaft meiner Grossmutter zu meiner Zuneigung zum Theater führt über Ernst Ginsberg. Mit dem berühmten jüdischen Immigranten, der später zum Katholizismus konvertierte und wie so viele andere im Zürcher Schauspielhaus mit offenen Armen aufgenommen wurde, spielte meine Grossmutter Streichquartett.

In ihrer Biografie liest man, dass Ihre Grossmutter von sich selbst von einem schwierigen Charakter sprach, dass sie – vor allem im Alter – schwermütig war, «gebannt war in ihrem Leiden».

Wenn das so ist, dann hätte ich das doch wohl gespürt. Wäre das so gewesen, hätte ich als Mädchen gesagt: «Oma ist komisch». Und als 18-Jährige, so meine ich, hätte ich das auch intellektuell bemerkt. Mir kam sie nie schwermütig, schwierig im Charakter, depressiv veranlagt oder melancholisch vor. Beileibe nicht. Sie hat auch oft gelacht, obwohl es nur ein einziges Foto gibt, auf dem sie lächelt.

Sie kochte ja auch sehr gern, wie man ihrem Kochbuch entnimmt.

Ganz ehrlich: ich habe sie kein einziges Mal kochen gesehen. Sie hatte die Köchin Fini, die uns Enkelkinder faszinierte und begeisterte. Nicht nur kochte sie sehr gut, sie nahm uns auch mit in den Estrich, machte Hexentänze um Kochtöpfe herum und verrenkte dabei Arme und Beine. Natürlich nur spielerisch. Wahrscheinlich hat meine Grossmutter einfach Rezepte gesammelt, wenn sie bei Freundinnen zu Besuch war und ihr ein Gericht besonders gut schmeckte. Daraus entstand wohl das genannte Kochbuch. Fini hat meine Oma überlebt und danach jahrelang das Haus gehütet und für Guido täglich gekocht.

Dann ist das mit «Frauen am Herd» überschriebene Konzert während des Davoser Festivals auch eine Hommage an die Köchin Fini.

Verdienen würde sie es auf jeden Fall!

Esther Girsberger bewegt sich seit 25 Jahren in der Öffentlichkeit – zunächst als Journalistin für verschiedene Zeitungen (u.a. NZZ, Tages-Anzeiger, Der Bund) in verschiedenen Funktionen als Ressortleiterin, Chefredaktorin und seit ihrer Selbstständigkeit vor allem als Moderatorin, Kolumnistin, Vortragende und Autorin. Die promovierte Juristin amtet seit 2020 als Ombudsfrau der SRG und ist Inhaberin der Firma speakers.ch.

Foto oben: Martha von Castelberg und ihre Enkelin Brida.
Abbildung unten: «Käs Soufflé» – aus Martha von Castelbergs Rezeptesammlung.

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